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„Wir wollen den Pornomarkt revolutionieren“

Am 17. Oktober 2009 wird zum ersten Mal der Feministische Pornofilmpreis verliehen. Dazu im Gespräch die Initiatorin Dr. Laura Méritt, Sexpertin, Kommunika-tionswissenschaftlerin und Betreiberin von Sexclusivitäten.                                          Interview: Susann Kaiser

Ein feministischer Pornofilmpreis – was will der bewirken und was ist überhaupt feministischer Porno?

Wir wollen den herkömmlichen Pornomarkt revolutionieren und wir wollen zeigen, dass es frauengerechte Pornos gibt, in denen die weibliche Lust im Mittelpunkt steht, in denen eine Vielfalt an sexuellen Praktiken gezeigt wird und in denen Frauen auch maßgeblich an der Produktion beteiligt sind.

Wozu braucht es eigentlich Pornos - und wozu brauchen Frauen Pornos?

Wir sehen Pornografie oder die sexuelle Vorstellungskraft als eine große Quelle von Lebensenergie, aus der wir schöpfen können. Sie ist eine Inspiration und sollte als ganzheitlich zum Menschen gehörig betrachtet werden. Für eine umfassende Zufriedenheit kann man diesen Teil ja nicht einfach nur abspalten. Deswegen sehen wir es auch als besonders wichtig an, dass sexuelle Phantasien und sexuelle Vorstellungen umgesetzt werden, auch pornografisch. Bilder von positiv dargestellter sexueller Lust von Frauen sind da bislang viel zu wenig gezeigt worden. Mehr davon!

Ist das ein Markt, den Sie gerne selber schaffen würden, oder ist die Nachfrage nach solchen Filmen schon da?

Die Nachfrage ist schon da, das merke ich bei „Sexclusivitäten“ als eine der ersten Anlaufstellen deutlich. Die Frauenbewegung hat bereits in den 70ern angefangen, eine alternative Sexualität zu entwickeln, auch als Antwort auf die Mainstream-Pornografie. Es gibt da schon ganz viel Vorarbeit, wie wir beim Award sehen werden. Und es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass Frauen zunehmend gerne Pornografie sehen wollen, aber eben nicht die herkömmliche. Da gibt es also einen großen, ungesättigten Markt…

Sie glauben also daran, dass ein solcher Award den Pornomarkt nachhaltig verändern kann?

Ja, davon bin ich überzeugt. Genauso wie der Sexspielzeugmarkt revolutioniert worden ist, fällt jetzt die letzte Bastion. Wir haben Qualität, Farbe, gesunde Materialien, ästhetische Formen und nicht zuletzt faire Produktionsbedingungen bei den Sexspielzeugen eingebracht. Und mittlerweile hat jede herkömmliche Produktion eine „Frauenlinie“. Genau das wollen wir auf dem Pornomarkt auch erreichen. Wir haben deshalb ein Gütesiegel entwickelt, mit dem sich Filmproduktionen zertifizieren lassen können. Dazu muß ein nach feministischen Kriterien entwickelter Katalog erfüllt werden. Mit so einem Gütesiegel können dann auch die Konsumentinnen und Konsumenten vor dem Kauf die Unterscheidung treffen – zwischen herkömmlichen Pornos und guten Pornos.

Was sind denn feministische Kriterien bei Pornos?

Eine feministische Mindestanforderung ist, daß im Gegensatz zur jetzigen Praxis die weibliche Lust mindestens gleichermaßen im Mittelpunkt steht; daß Frauen nicht nur – im besten Falle – Erfüllungsgehilfinnen für den großen Fixpunkt sind, den männlichen Orgasmus nämlich. Wir fordern, dass eine Vielfalt an sexuellen Praktiken gezeigt wird, dass wir auch mal unterschiedliche Altersgruppen sehen, andere Ethnizitäten, verschiedene Lebenshintergründe, nonkonforme Körpertypen. Und daß nicht nur Vielfalt aufgezeigt, sondern dabei auch weg vom Klischee gegangen wird. Wichtig wäre auch, dass Frauen an der Produktion einfach beteiligt sind, also bei Drehbuch, Kamera, Regie, nicht nur als Aktrice.

Letzten Endes geht es also auch um die Beteiligung von Frauen an einem Markt, in dem Milliarden an Umsatz gemacht werden?

Letztendlich natürlich auch. Es ist allerdings so, daß die Produktionskosten für bessere Pornos, die den genannten Kriterien entsprechen und wo auch gute Arbeitsbedingungen herrschen, viel höher sind. Damit fällt die übliche Gewinnspanne von 300% und mehr weg. Mit den Pornos der Zukunft wird nicht mehr so viel Geld zu verdienen sein, aber das Niveau wird dafür ganz anders sein.

Sind Verbraucherinnen und Verbraucher Ihrer Erfahrung nach bereit, ähnlich wie beim Ökofleisch, höhere Preise für bessere Qualität zu bezahlen?

Das sind sie auf jeden Fall. Das ist schon bei den Spielzeugen zu sehen, und auf dem Pornomarkt fehlt es einfach noch an genügend guter Ware.

Die Liste der Nominierten ebenso wie der Jury beim „Feministischen Pornofilmpreis“ liest sich ja wie ein Who is Who der sexpositiven Frauenbewegung. Auf wen dürfen wir uns da im Oktober freuen?

Wir freuen uns ganz besonders auf Candida Royalle. Das ist die große Dame des erotischen Films, und sie wird für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden. Sie ist seit 20 Jahren dabei und macht mit Humor und Intelligenz Pornos – eine Koryphäe, die in ihren Filmen auch Gefühle zeigt, verschiedene Praktiken, verschiedene Körper, verschiedene Hautfarben. Dann kommt Maria Beatty aus Paris, die ein eigenes, sehr besonderes Genre kreiert hat, nämlich den Film Erotique Noir, also eine sehr künstlerische Umsetzung von Sexualität. Eingeladen ist auch Annie Sprinkle und wir hoffen, dass sie kommt. Sie ist ebenfalls eine Koryphäe der Bewegung und auch als Pornoqueen sehr kompetent; sie war vor und hinter der Kamera tätig und hat mit ihren Anregungen, sexuellen Lehrstunden und Shows die Entwicklung in Europa maßgeblich beeinflußt. Wir haben noch ein paar andere nominierte Gästinnen, die ich jetzt noch nicht verraten werde…

Das Rätsel wird in Berlin bei der Verleihung des 1. Feministischen Pornofilmpreises im Oktober gelöst. Wie ist die bisherige Resonanz auf das Projekt, und wie wird dieser Abend aussehen?

Wir haben eine ganz tolle Resonanz. Die Begeisterung darüber, dass da endlich mal frischer Wind in die Pornoindustrie geblasen wird, ist groß. Die Verleihung wird in den Hackeschen Höfen in Berlin-Mitte stattfinden, also nicht von ungefähr in einem Programmkino aus der alternativen Bewegung. Wir werden am Abend Ausschnitte aus den prämierten Filmen zeigen, einige Interviews mit den Macherinnen führen und natürlich feierlich die Preise verteilen. Danach werden wir eine Party feiern, nämlich in der Location Homebase. Das ist ein wunderbarer Ort, wo Live Acts stattfinden, wo noch mal andere Filmausschnitte der Prämierten gezeigt werden, wo man mit den Preisträgerinnen in Kontakt treten kann, wo diskutiert wie natürlich auch getanzt werden kann. Beide Locations sind wirklich am Projekt interessiert und sind eine Werbepartnerschaft mit uns eingegangen, was uns einen so wunderbaren Rahmen für das Einläuten des Wandels in der Pornoindustrie ermöglicht.

Als letztes wüsste ich gerne noch: Als Label sowohl für den Filmpreis als auch für das Gütesiegel, das Sie ins Leben gerufen haben, dient die Auster. Warum die Auster?

Warum die Auster? Die Auster ist das Symbol für weibliche Sexualität. Außerdem hat sie aphrodisiatische Wirkung. Sie enthält alle Nährstoffe und ist deshalb besonders gesund.